
Blitz und Donner weckten mich mitten in der Nacht. Regen prasselte auf Dächer und Straßen und das Kielwasser vorüberfahrender Autos klatschte gegen die Böschung.
Das friedvolle Gefühl, warm, trocken und behütet zu sein ist während eines draußen tobenden Unwetters besonders intensiv.
Morgens war das Gewitter weitergezogen und hatte den Regen zurückgelassen.
Ein kanadischer Rucksackwanderer, mit dem ich beim Frühstück allerlei Fremdsprachen ausprobierte, empfahl, bis Mittag mit dem Aufbruch zu warten. Er hatte so ein vages Gefühl, den Wolken würde das Wasser ausgehen.
Ich hatte das bestimmte Gefühl, es dann nicht mehr bis zu meiner gebuchten Unterkunft an der Großglocknerstraße zu schaffen.
Also zog ich meine Regenausrüstung an, setzte Brille und Schnorchel auf und ließ mich mit der Strömung zum Kitzbüheler Bahnhof hinunter treiben.


Geplant war, nun zum Harschbichl hinauf und dann den gleichnamigen Trail nach St. Johann in Tirol hinunter zu fahren. Ich hatte mich darauf gefreut, wurde dieser Trail doch auf den einschlägigen Webseiten gelobt.
Andererseits gibt es auch einen Radweg nach St. Johann, mit nur wenigen Höhenmetern, geringer Sturzgefahr und weitgehend anorganischem Spritzwasser. Den nahm ich!



In St. Johann war ich bereits wieder auf dem geplanten Track.
Track heißt hier, ein Radweg, immer zu dicht an der belebten Straße, flach und geteert bis Fieberbrunn.
Im Ort Neumoos ist die Fieberbrunner Ache durch ein Wehr aufgestaut. Verstärkt durch den Regen der vergangenen Nacht, bietet das aufgewühlte graubraune Wasser einen beeindruckenden Anblick.

Kurz erwog ich, von Fieberbrunn über Hochfilzen und Saalfeld auf Radwegen bis nach Zell weiterzufahren.
Es war noch nicht einmal 11 Uhr, das Wetter wurde besser und die Aussicht, stundenlang in einem Zimmer statt auf dem Rad zu sitzen, besiegten diese Erwägung.
Meine Route von Fieberbrunn nach Saalbach hätte man komplett mit einem gewöhnlichen Pkw fahren können. Die Wege waren breit, gut befestigt und in der Abfahrt nach Hinterglemm auch geteert.
Zwischendrin, kurz nachdem man die Lastenseilbahn passiert hat, gibt es einen Abschnitt, etwa zweieinhalb Kilometer mit durchschnittlich 13% Steigung. Ich fühlte mich noch frisch und schaffte das ohne abzusteigen.
Gelegentlich kam die Sonne zwischen den dünner gewordenen Wolken zum Vorschein, zu kurz aber, um Weg oder Radfahrer zu trocknen.
An der Spielbergalm entschied ich mich natürlich gegen den Bikepark. Die zusätzlichen 225 Höhenmeter hätte ich investiert, aber hinter den Bergen war wieder Donnergrollen zu hören und ich blieb konsequent vorsichtig.





Der Weg von der Spielbergeralm nach Saalbach-Hinterglemm ist eigentlich eine Straße. An der Alm parken Autos und unterwegs begegnet man auch welchen.
In wenigen Minuten ist man im Ort.
Mittagszeit, aus den Bars klingt Ballermannmusik, überall Menschen und flackernde Lichter. Ich würde einen ruhigeren Platz zum Essen finden. 18 Kilometer Glemmtalradweg sollten ja ein Mindestmaß gastronomischer Ausstattung bieten.
Bei der Planung des Radwegs hatte man vordringlich das Problem quengelnder Kinder im Blick. Überall am Weg gibt es Spielgelegenheiten, von den Ausflüglern gut angenommen.






Ich benötigte einige Fehlversuche, bis ich in Viehhofen eine Gaststätte und eine warme Mahlzeit fand.
Durchs Fenster konnte ich beobachten, wie zwischenzeitlich einsetzender Regen mein Rad vom gröbsten Schmutz befreite. Offensichtlich zufrieden mit seinem Werk, verabschiedete er sich für diesen Tag und für den Rest meiner Rundfahrt.
Die abziehenden Wolken gaben den Blick auf die Gipfel, zum Teil mit Neuschnee gepudert, der umgebenden Berge frei.
In Malshofen endet das Glemmtal und im Süden werden die mächtigen Tauerngipfel sichtbar.
Der Großglockner ist von hier nicht auszumachen. Die 3000er hinter Kaprun versperren den Blick, bilden aber ihrerseits auch eine großartige Kulisse.
Ich lag gut in der Zeit. Von Prielau bis Seespitz sind es etwa vier Kilometer am wunderschönen See entlang.
Ich musste noch etwas weiter. Der Walcherhof, mein Nachtquartier, liegt an der Grosglocknerstraße zwischen Bruck und Fusch. Ein Abendbrot sollte es dort nicht geben.
In der Pizzeria La Vida in Bruck konnte ich windgeschützt in der Sonne sitzen. Ich musste etwas warten, bis die Küche öffnete. Es gab aber gutes Bier und etwas Urlaubsstimmung und am Ende hatte sich das Warten auch aus kulinarischer Sicht gelohnt.




