
Mit dem ersten Morgengrauen war es mit der Ruhe vorbei. Ein Lastwagen nach dem anderen fegte an unserem Rifugio vorüber.
Im Herbst 2019 hatte es hier oben einen Sturm gegeben, der kaum einen Baum verschonte. Seitdem dauern die Aufräumarbeiten, zu denen auch die vielen LkW gehörten, an.
Unser Wirt war sichtlich traurig, dass das ganze noch verwertbare Holz nach China verschifft würde. Der übrige Windbruch wurde geschreddert.












Wenn man am Rifugio Barricata startet, gerät man bald auf extrem ungemütlichen Untergrund, auf dem der doch ganz ordentliche Anstieg einem schnell die Kraft aus den Beinen saugt. Dieses Stück Weg umgeht man komplett, wenn man vom Rif Marcesina aus Barricata im Süden umgeht. Zudem ist es weniger steil.
In beiden Fällen kommt man bald auf einen zunächst geteerten und später ordentlich mit feinem Kies befestigten Weg, auf dem es sich gemütlich durch die wunderschöne Karstlandschaft radeln lässt.
Vereinzelte Gedenksteine und die Chiesetta di Monte Forno erinnern an den Ersten Weltkrieg, der in diesem Gebiet 55000 Soldaten das Leben kostete.
Während der Kies auf dem Weg immer gröber wurde und schließlich im Wesentlichen aus faustgroßen Steinen bestand, gewannen wir immer mehr an Höhe. Auf 2066 m hatten wir endlich die Seletta Generale John Mecenseffy, den höchsten Punkt unserer heutigen Etappe erreicht. Gleichzeitig war das das Ende des einzigen wirklich langen Anstiegs. Es sollten wohl noch drei Rampen kommen, alle drei aber nur jeweils drei Kilometer lang.
Benannt wurde dieser Pass nach dem Oberbefehlshaber der österreichisch-ungarischen Truppen, die hier ganz in der Nähe bei der Ortigaraschlacht 1917 den angreifenden italienischen Verbänden große Verluste und eine bedeutsame Niederlage zugefügt hatten. Ob die Namensgebung ein Zeichen ritterlichen Respekts ist?









Von der Passhöhe geht es hinunter zum bereits von weitem gut sichtbaren Campo Gallino, einem wichtigen Nachschublager im großen Krieg und ein beliebtes Ziel für Wanderer und inzwischen auch E-Biker.
Am Hang gegenüber unserem Weg gibt es eine große künstlich angelegte Höhle, eigentlich eher ein Tunnel, wenn er irgendwo hinführte, in den Rainer und ich uns 2016 ein Stück hineingewagt hatten. Aus Furcht vor Bären und bodenlosen Fallgruben in der Finsternis waren wir damals jedoch kurz hinter der ersten Biegung umgekehrt.
Natürlich hatte ich davon erzählt und die spöttischen Blicke der jugendlichen Expeditionsteilnehmer blieben mir nicht verborgen.
Das ganze Lager roch nach Testosteron als Olli und Johannes sich auf den Weg machten, ich hoffte, der Bär wäre eine Bärin.
Letztlich endete der Tunnel aber relativ unspektakulär einige Meter hinter der Biegung. Die einzige Überraschung blieb, dass keiner von beiden in die Reste menschlicher Notdurft getreten hatte, die man an solchen Orten ja nicht zu Unrecht vermutet.






Das Campo Gallino liegt in einer Senke. Nach Osten sind es aber nur wenige Höhenmeter, bis es auf tückischem Schotter wieder bergab geht.
Mit dem nächsten Anstieg erreichten wir die Bocchetta Portule. Einige Steinpfosten am linken Wegesrand verhindern, dass man in den Abgrund stürzt.
Im Südosten schaut man auf den Monte Verena hinter dem sich der Monte Pasubio vor unseren Blicken versteckte.
Hier sollte man einen Moment verweilen. Mit dem Essen sollte man jedoch
bis zur Malga Larici di Sotto warten.
Dort mussten wir zwar in der prallen Sonne sitzen, was wir aber mit einer zweiten Flasche eiskalten Radlers nach unserer sehr empfehlenswerten Pasta sehr gut ausgleichen konnten.
Von nun an machten wir Strecke. Hinter dem Spigolo dei Fondi begann die lange Abfahrt zur Kaiserjägerstraße. Das meiste davon ist geteert. Hier und da kann man eine Kurve durch einen netten Trail durch den Wald abschneiden.
Auf den letzten Metern vor der Straße ging es noch einmal auf einem groben Forstweg durch den Wald. In einer Linkskurve sah ich den Stein gerade noch rechtzeitig, um mit dem Vorderrad rechts daran vorbeizusteuern. Mein Hinterrad erwischte den Stein jedoch zentral und war sofort platt.
Als die anderen dazukamen, demontierte ich einer alten Gewohnheit folgend Johannes Hinterrad. Hans fischte sein Flickzeug aus der Satteltasche und Johannes machte gerade seine Pumpe startklar als Olli uns darauf hinwies, dass eigentlich mein Rad platt war. Glücklicherweise hatte er am Vortag immer etwas Abstand zu Johannes gewahrt, sodass ich von ihm noch einen intakten Schlauch bekommen konnte.






Zu Hause, am Schreibtisch, hatte ich noch ein touristisches Highlight eingeplant, einen Aussichtspunkt mit dem Namen Belvedere Belem, mit einem grandiosen Blick über die Seen von Caldonazzo und Levico Terme und das obere Valsugana. Der Weg dorthin war allerdings eine Tortur. In Gedanken waren wir bereits am Hotel, mussten nun aber noch einmal sehr steil und unwegsam weitere 100 Höhenmeter hinauf.
Wem der Ausblick nicht Belohnung genug ist, der wird sich vielleicht durch die Abfahrt nach Slaghenaufi entschädigt finden.
Kurz vor dem Ort gibt es einen Cimitero Militare, wo 748 Soldaten der österreichisch-ungarischen Armee eine würdevolle letzte Ruhestätte gefunden haben. Ein Zeichen der Versöhnung und des Respekts und ein Mahnmal, dass Frieden nicht selbstverständlich ist.
Auch wenn der Name das nahelegt, Slaghenaufi hat mit Tennis nichts zu tun. Wenn überhaupt, dann ist es am ehesten ein Wintersportdorf.
Zwischen Natursteinmauern ging es nun endlich hinunter nach Bertoldi.
Im Garni Il Muretto fand unsere Etappe bei kühlem Bier oder, je nach Vorliebe, italienischem Eis einen gemütlichen Abschluss.
Weil es ein Garni ist, mussten wir für unser Abendessen in der Pizzeria La Scaletta noch einmal 100 Meter gehen. Neben einer guten Pizza gabe es auch genau die richtige, für uns altersgerechte Musik und so blieben wir ein Weilchen.